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Uhrzeit/ 09:10:39 // Datum/ 2019:Sep:17 / letzte Änderung



 Eisenhaar

Jetzt nicht darauf eingehen. „Bleib ruhig“, sagte sie sich in Gedanken. Dabei verzog sich keine Falte in ihrem Gesicht.
Es war wie aus Stein gemeißelt. Allerdings wie in Stein gemeißelte Aufmerksamkeit. Auch sie verstellte sich auf der Arbeit. Das war nicht immer so.
Sie hatte viele der Ratgeber gelesen. Darunter auch „Zeig doch mal Gefühle“.
Das war lange bevor … Sie mochte jetzt nicht daran denken. Es ist ja bald so weit... Sie strengte sich sehr an, um sich zu konzentrieren.
Jetzt durfte sie sich noch nicht aufdecken. Also musste sie auch die Gedanken immer wieder ordnen. Bei manchen Menschen kann man sehen, was sie denken.
Nur einmal noch, dann konzentrierte sie sich wieder auf den Vortrag. Sie dachte: „Was Du auch sagst, Du wirst bezahlen!“
Dann hatte sie ihre Gedanken wieder bei der Sache. Sie schaute freundlich in die Runder der versammelten Kollegen. „Konzentriere Dich!“, herrschte sie sich wieder in Gedanken an und dachte: „Liebe Kollegen, ich mag Menschen!“ Der Vortragende erläuterte ausführlich die Funktionsweise der Blechfaltmaschine. Die Patentnummern, die er dazu eingereicht hatte, zählte er ausgiebig auf.
Ein Laptop klappte etwas zu laut zu. Ihre Freundin und Kollegin Laura kannte die Geschichte auch. Sie hatte Petra geraten einen Anwalt einzuschalten. Petra hatte den Rat befolgt und ein langes nettes aber erfolglosen Gespräch mit einem Anwalt gehabt. Sie hatte keine Beweise. Was sollte sie auch machen. Irgendwie musste er wohl herausbekommen haben, wie ihre Passwörter damals aufgebaut waren. Sie arbeiteten ja sehr eng zusammen. Warum hatte sie auch so eine Andeutung wegen der Patente, ihrer heimlichen Arbeit daran ihm gegenüber gemacht? Das war jetzt anders. Laura hatte sich gestern Abend mit ihr getroffen. Nach der dritten Flasche Wein war sie so kampfbereit, dass sie am liebsten noch am Abend zu ihm gefahren wäre und ihm mit eine der leeren Weinflaschen einen frischen Scheitel gezogen hätte.
Petra konnte sie mit Mühen zurück halten. Fast hätte sich sich mit ihrer Freundin zerstritten. Sie hatten schon manchen Abend darüber lamentiert, was sie gegen den Patentklau machen sollte. Aber er hatte alle Unterlagen. Es gab kein Papier. Sie hatte nicht einmal die Spur eine Kopie. Die Datensicherungen waren verschwunden. Zuerst war ihr nichts aufgefallen. Erst als sie nach dem schönen Wochenende im Hunsrück ein Herstellungsverfahren noch einmal überprüfen wollte, stellte sie fest, das die Daten zu den Patenten der Blechfaltmaschine nicht mehr da waren. Sie arbeitet gerne im Kollektiv. Nur, in diesem Fall handelte es sich um eine alte Idee aus der Studienzeit. Daran hatte sie immer wieder gearbeitet. Wenn auch mit langen Pausen. Vor einem Jahr hatte sich wieder in die Arbeit dazu gestürzt und das Wochenende im Hunsrück mit Sven bildetet den Abschluss. Sie war fertig mit den Arbeiten daran und hatte nur die nötigsten Sachen mitgenommen. Sie wollte das Ende der Arbeiten feiern. Nach so vielen Jahren! Sie hatte eine Datensicherung gemacht und das Laptop im Schrank verschlossen. Jetzt waren alle Daten weg. Lange genug hatte sie ihre Wohnung verlassen. Der das gemacht hatte, hatte genug Zeit sich alle Daten herunter zu laden und danach zu löschen. Keine Spur mehr. Die Datenstellen waren mit einem Spezialprogramm mit Nullen überschrieben. Das war nicht unüblich. Ihr Freund hatte versucht Fingerabdrücke zu finden und an verschiedenen Stellen gesucht. Nach mehreren Stunden der Spurensuche meinte er: Ich habe eine schlechte Nachricht Eisenhaar!“ Da sie ungläubig und gleichzeitig wütend schaute sagte er weiter: „Keine Spuren. Sieht aus, als wenn es ein Profi gewesen ist! Wenn da wirklich...“
Er kam nicht dazu weiter zu reden. Sie stand vor ihm und hatte ein großes Küchenmesser in der Hand. Er sagte: „Liebes Eisenhaar, schneide weiter Salat. Hier würden sich im Falle einer blutigen Tat genug Spuren finden lassen und Du wärst sofort überführt! Meine Kollegen sind nicht dumm!“ Sie hatte sich in der Gewalt. Niemals würde sie ihrem Freund wehtun. Es war ihr Lieblingskommissario, wie sie immer wieder in sein Ohr flüsterte.
Aber was sollte sie machen. Sie ging ins Bad. Ihr Freund Sven hörte, dass sie sich ein Bad einließ. Er wusste, dass er sie jetzt einfach für mindestens eine Stunde in Ruhe lassen musste.
Er rief noch: „Wir sehen uns!“ durch die Badzimmertür und warf die Wohnungstür hinter sich zu. Dann war sie allein. Sie zuckte zusammen, als sie in das viel zu warme Badewasser mit einem Zeh eintauchte um zu probieren. Eisenhaar dachte sie und ging zum Spiegel. Gedanken versunken kämmte sie sich ihr rostrotes Haar. Es hatte die Konsistenz von gesundem Pferdehaar. Starke dicke, rostrote Haare hatte sie, Dafür wurde sie oft in ihrer Jugend gehänselt. Dann gab es dieses Lied: „Mädchen mit roten Haaren die können dir sagen was Liebe ist....“ Die Jungen waren hinter ihr her. Das machte ihr Spaß. Sie war begehrt. Da war dieser Gedanke wieder. Die Erinnerung blitze auf. Dieser ekelige Kerl damals... Sie war 17 Jahre alt. Es war auf einem Dorffest. Was der schleimige dicke Kerl sich eingebildet hatte? Immer wieder spielten sie diese Lied von den Mädchen mit roten Haaren. Dieser schleimige Kerl setzte sich näher an sie heran. Sie war mit ihrer Clique auf dem Fest. Die waren alle besoffen, weil dieser Fettsack ihnen immer wieder kleine Schnapsflaschen spendierte, mit denen sie dann wie wild auf dem Tisch klopften und den Inhalt unter lautem Geschrei austranken. Da waren auch all die anderen Getränke, die der Fettsack ihnen spendierte.
Sie musste nach Hause. Dann stand sie an ihrem Fahrrad, öffnete das Schoss und schob das Rad ein paar Meter weiter. Der Kerl stand da und lächelte sie an. Als er unter Worten wie: „Na Kleines kann ich Dich begleiten?“, oder so ähnlich, seine Hände nach ihr ausgestreckt hatte, zog sie ihm die metallene Luftpumpe akkurat über den Kopf. Noch waren Reste seines Lächelns in seinem Gesicht. Sie half nach und trat ihn links und rechts an die Schienbeine. Er ließ sie durch. Machte den Weg frei. Unter Zittern fuhr sie in den Wald. Ihr Rückweg führte einen Kilometer durch einen dichten Wald. Sie sollte ja mit ihrer Clique nach Hause fahren oder anrufen, wenn man sie abholen sollte.
Nachdem sie sich beruhigt hatte fuhr sie nach Hause. Sie sprach nie darüber. Jetzt stand sie da und wurde so wütend. Jemand hatte ihr die Patentschriften gestohlen, bevor sie diese einreichen konnte. Das Recherchematerial war noch da. Sie hatte etwas völlig Neues entwickelt. Aber sie hatte die Patente noch nicht angemeldet. In der Wanne beschlich sie eine Ahnung, die sich bald bestätigte.
Jetzt saß sie hier und hörte den Vortrag. Seinen Vortrag über ihre Patente. Frank hatte ihr ihre Unterlagen gestohlen. Er hatte die Patente eingereicht. Jetzt würden sie seine Maschinen, deren Bau auf ihren Patenten beruhte, in großen Stückzahlen bauen. Bald weltweit. Frank würde viel Geld verdienen. Geld ist nicht alles! Sie hatte die Ideen gehabt.
Zum Glück hatte sie ein gutes Deo. Sie schwitzte richtig vor unterdrückter Wut. Laura sah sie an und fragte leise, ob ihr schlecht wäre. Sie erhoben sich. Frank lächelte sie an und beendete auch schon seinen Vortrag.
Der übrige Tag verlief irgendwie so dumpf, wie ein nasser Novembertag. Doch es war Hochsommer.
Nach einem herrlichen Sommerabend und einer noch schöneren Sommernacht wurde eine männliche Leiche gefunden. Der Körper hatte sich in einem Baggergerüst verhakt. Der Mann war in dem Baggerteich erbärmlich ertrunken. Baden war hier verboten. Gebadet wurde trotzdem. Es war gefährlich, da ein alter Bagger im Wasser stand, nach dem gerne getaucht wurde. Wer sich nicht auskannte, sollte besser am Bagger nicht tauchen. Der Mann, war Frank K. Lau, der wohl in dieser schönen Sommernacht angetrunken nach dem Bagger getaucht war. Dabei musste er sich mit einem Bein im Gerüst verhakte haben. Er kam nicht mehr frei. Er war allein hier hergefahren. Freunde hatte er wohl nicht. Wie man bald feststellte war er zwar reich, aber mindestens genau so unbeliebt in der Firma. Fremdeinwirken konnte hier aber nicht festgestellt werden. Sven hatte Petra nach Frank gefragt, da der in ihrer Firma arbeitete. Er redetet zwar kaum über sein Arbeit, informierte sie aber komischer weise darüber, dass man keinerlei Spuren gefunden hatte, die auf ein Verbrechen hinwiesen. In der Firma Eisenhaars wurde öffentlich getrauert. Man beschloss gemeinsam zum Begräbnis zu gehen.

JSEGG//04.11.2010



© Jörg Segger