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Uhrzeit/ 08:53:11 // Datum/ 2019:Sep:17 / letzte Änderung



 Zehn Tritte in die Ewigkeit

Sie trafen sich bei der alten Eiche. Die Eiche war ein richtiges Prunkstück und bestimmt schon mehr als 400 Jahre alt.
Kräftig und herausfordernd streckte sie ihre Äste in den Himmel. Der mächtige Stamm schien unerschütterlich zu sein. Wie die Wurzeln sich im Felsenhang fest krallten, verdient Bewunderung. Der schmale Fahrweg führt dicht an der Eiche vorbei. Auf einer Seite die Eiche und ein etwa 200 Meter steil abfallender Felsenhang zu anderen Seite. Die Eiche hatte schon viel gesehen. Da war zum Beispiel der Unfall im letzten Jahr.
Der Traktorfahrer kam schnell zum Stehen, als er bremste, weil er den Jeep herannahen sah. Die Eiche stand in einer Kurve des schmalen Fahrweges, der sich am Hang langsam höher in die Berge schlängelte. Der Fahrer des Jeeps hatte kein Glück. Er bremste zu stark. Der Untergrund war dick mit vom Herbstregen feuchten Eichenlaub belegt. Die Räder des Jeeps blockierten. Gemeinsam mit unzähligen Eichenblättern, die die Räder bei der Rutschpartie vor sich her schoben, stürzte der Jeep ab. Ein Todesflug für die beiden Insassen. Petra hatte Jens und Siegmunde ziemlich lange bearbeiten müssen, bis sie es auch schön fanden ein Wochenende in den Bergen zu verbringen. Sie planten eine gemeinsame Bergwanderung über den Zahmen König hinüber zum Wilden König.
Man muss ja langsam anfangen.
Petra war eine geübte Bergsteigerin, die sogar schon das Matterhorn erstiegen hatte. Jens und Siegmunde schauten in dieser Beziehung zu ihr auf.
Leider taten sie es nur in dieser Beziehung.
Natürlich hörte Petra die beide schon weit, bevor sie um die Kurve zur Eiche kamen. Sie versprühten das gewohnte Gift, indem sie über ihre Kollegen herzogen. Hier hatten sie sich verabredet, weil so weder Jens und Siegmunde, die vom Parkplatz an der Wilden Preuss heraufkamen, noch Petra, die von ihrer Wochenendhütte ab stieg es allzu weit hatten. Die drei begrüßten sich herzlich und scherzten, als sie den steilen Anstieg in Angriff nahmen.
Petra hatte sie beruhigt und gemeint, sie würde eine leichte Tour für Jens und Siegmunde aussuchen. „Macht euch nur keine Sorgen.“ War es das schlechte Gewissen, das Jens und Siegmunde zogern ließ, die Einladung zur Bergwanderung anzunehmen?
Schließlich hatten sie wirklich einen Grund zu zögern. Petra war zwei Wochen vorher in den Urlaub gefahren. Nun, es hätte nicht sein müssen, ihr die letzten drei Tage vor dem Urlaub dermaßen zu vermiesen. Das hatten sie ja schon im letzten Jahr gemacht. Und überhaupt, ihr die Idee mit dem freien PS zu stehlen, war auch nicht gerade dazu angetan, einen tollen Bergausflug von Petra geschenkt zu bekommen. Sie dachten, sicher wollte Petra in ihrer Einfalt sich für noch nicht ausgeführte Schmähungen, Beleidigungen und Falschheiten ihrer ach so netten Kollegen Jens und Siegmunde frei kaufen. So, dass es erst gar nicht geschehen muss. In diesem Punkt hatten sie Recht. Nun, fast recht. Petra beschleunigte vorsichtig das Gehtempo.
Jens sagte: „He Petra, wenn Du auch so schnell Deine Arbeiten im Büro erledigen würdest...“, er lachte Siegmunde dabei an, „...dann hätten wir kaum Projektrückstände!“ Petra lächelte in sich hinein und sagte leise: „Das kann sein. Oder man müsste andere Kollegen haben!“ Siegmunde lachte und meinte: „Kollegen kann man sich, genauso wenig, wie Brüder, aussuchen!“ Sie waren inzwischen an Petras Hütte angelangt. Die Sonne legte Gold auf die Berggipfel.
Der Wind hatte sich gelegt. Petra grillte Hammelfleisch zum Abend.
Am anderen Morgen waren die Beiden noch sehr müde, als sie zur Tour in den Zahmen König aufbrachen. Petra trieb sie an. Sie waren jetzt schon auf 2000 Meter und die Sonne brannte. Die Berge wurden schroffer. Keine Ahnung, warum der Zahme König so hieß, hatte er doch einige sehr gefährliche Kletterstiege. Dort musste man sich an Seilführungen der Stahleitern festmachen. Die längste Stahlleiter war 120 Meter lang und führt 90 Grad steil auf einen Grad. Der Grad war wanderschuhbreit und führte 200 Meter lang, 300 Meter über den nächsten Abgrund, in eine Felswand. Dort waren auf 500 hundert Meter Tritteisen in den Fels geschlagen, der 400 Meter tief bis in die Schlucht der Wilden Preuss abfiel. Seine Sicherungsleine konnte man in ein Stahlseil einhängen.
Dort hin führte Petra ihre unwissenden Bergwanderer.
Da Jens und Siegmunde die unbeliebtesten Kollegen in der Firma waren, tauschten sie sich nie mit anderen über ihre Freizeitbeschäftigungen aus. Die Verwandten der Beiden waren tot oder wollten weder mit Jens noch mit Siegmunde etwas zu tun haben. Kurz, keiner wusste, wo sich die Beiden und schon gar nicht mit wem sich die Beiden an den Wochenenden herum trieben. Warum auch?
Schleißlich hatten sie jegliche anvertrauten Geschichten breit und lang mit Verdrehungen irgendwann, zu ihrem Nutzen preisgegeben. Siegmunde war das passende weibliche Gegenstück zu Jens. Da sie niemandem anderen hatten, hatten sie sich irgendwann in dieser Firma gefunden. Man vermutete, dass sie eine Beziehung hatte. Dabei kann natürlich nur von auf den anderen übertragener Eigenliebe die Rede sein. Denn sich selbst liebten Beide am meisten. Petra beruhigte sie: „Der Grad ist gleich vorbei. Die paar Meter. Ihr seit doch gut drauf. Das schafft ihr!“ Sie wunderte sich nur, dass Beide unbeschadet die steile Eisenleiter herauf gekommen waren. Nachhelfen mochte sie nicht. Der Grad war schwierig. Zum Glück zogen Wolken auf.
Siegmunde rief von hinten: „Petra...!“
Die hörte nichts.
Dann lauter: „Petra, komm schnell her. Ich hänge neben dem Grad!“ Jens lachte Petra an und sagte: „Die übertreibt bestimmt. Bleib hier!“ Petra machte Anstalten nach hinten zur Siegmunde zu gehen. Jens stellte sich in den Weg: „Das bleibt meine Dame! Was meinst Du, warum ich mitgekommen bin?“ Petra fragte: „Warum?“
„Das Dreckstück hat mich bei meinem Vermieter verpfiffen. Ich muss nächsten Monat raus aus der Wohnung!“
Dann stellte sich Jens ihr in den Weg. Er schwankte im stärker werdenden Wind. Ein Gewitter zog auf.
Es war das von Petra längst erwartete Gewitter. Im Zahmen König gab es immer unerwartete Gewitter. Nur, wer hier einige Zeit gelebt hatte, versteht etwas von der Wetterküche dieser Gegend. Dann schrie Siegmunde um Hilfe. Es blitzte und Regen prasselte. Ein Gewitter in den Bergen. Hagelkörner fielen. Petra und Jens retteten sich in eine kleine Berghütte an der Felswand, in der die Tritteisen befestigt waren. Es gab nur den Grad oder diese Felswand, keinen anderen Weg.
Unter den Donnerschlägen schien die Hütte fast auseinander zu brechen. Die Holzschindeln auf dem Dach klapperten. Das Gewitter tobte drei lange Stunden. Jens hatte zwei Versuche gemacht, Petra nahe zu kommen. Beim zweiten Versuch hatte sie ihm das Knie in die Geschlechtsteile gerammelt. Jetzt hatte sie Ruhe. Jens jammerte nicht mehr so laut. Er hätte das wissen müssen, dass sie nicht auf ihn stand. Und hier oben in der klapprigen Hütte bei Gewitter, gab es nur sie Beide, da musste sie ihn so zur Ordnung rufen. Das kannte er noch von der Abteilungsfeier her. Scheint, er hatte es vergessen. Diesmal hatte sie keinen bequemen Rock an. Aber Jens war anscheinend so gepolt, dass er sich für unwiderstehlich hielt. Hier war ja auch die arme kleine Frau den Naturgewalten ausgeliefert. Er wollte sie doch nur beschützen.
Aber Petra war stark.
Noch ehe das Gewitter hinter dem Gipfeln des Wilden Königs verzogen war ging sie nach draußen. Dicke Nebelschwaden machten es unmöglich den Grad zu benutzen. Sie ging zum Felsen. Jens ging ihr nach. Was sollte er allein in dieser klapprigen Hütte?
Petra hakte sich in das Stahlseil und stieg schnell aber sehr konzentriert die 500 Meter Tritteisen an der Felswand entlang.
Jens brauchte keine Sicherung. Er kam 10 Tritte weit. Sein Flug war schön, aber angesichts der vielen Verletzungen, die er anderen Menschen zugefügt hatte, viel zu kurz und zu selten durch Aufpraller an die Felswand unterbrochen. Petra musste lächeln, als sie seinen Flug für einen Kurzen Moment beobachten konnte.
„Guten Flug Herr Jens Arschloch!“, rief sie ihm hinterher und erreichte das Ende der Felswand.
Von Hier umging sie eine weitere Steilstelle und stieg einen anderen ungefährlichen Weg zu ihrer Hütte nehmend, ab. Als sie nach ihrem Urlaub in die Firma kam, wurde sie gleich informiert.
Jens und Siegmunde hat man zerschlagen am Zahmen König gefunden.
Keiner zeigte eine Spur von Traurigkeit. Einige lachten, wenn sie aufgeregt die Geschichte des Unfalls erzählten. Petra fragte, wenn sie es wieder hören wollte immer: „Wie ist das denn passiert!“ Sofort fing der oder die befragte Person an zu erzählen. Die wussten alles so genau. Niemand bedauerte den Betriebsrat, der eine Grabrede für die beiden Kollegen entwerfen musste.

JSEGG vom Knie
am 21.09.2009



© Jörg Segger