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Uhrzeit/ 00:39:49 // Datum/ 2019:Oct:21 / letzte Änderung



 Schneeschmelze



Auf den teilweise defekten, roten Ziegeldächern der Scheunen, zeigten sich die ersten schneefreien Stellen.
Die Märzsonne schmolz die dicke Schneeschicht der Dächer und die kalte Luft ließ das Schmelzwasser zu langen Eiszapfen gefrieren.
Die Dächer der Wirtschaftsgebäude besaßen keine Dachrinnen. Aber die meisten Wohnhäuser in der Nähe der Wirtschaftsgebäude besaßen welche. An denen hingen lange Eiszapfen, weil die Abflüsse der Dachrinnen zugefroren waren.

Auf einem Stein, am Hintern kalt und auf der Sonnenseite aufgeheizt, saß ich da und schaute zu den Eiszapfen an den Stalldächern. Es gab genug Schnee, um daraus Wurfgeschosse zu formen und nach den Eiszapfen zu werfen. Ich zog nie gerne Handschuhe an. Meine Hände waren warm und ich blinzelte zu den langen Eiszapfen und ließ mich von der Sonnen aufheizen. Einige Eiszapfen waren mindestens einen Meter lang und entsprechend schwer.
Der Stein, auf dem ich saß war etwa einen Meter und zwanzig Zentimeter lang, flach auf der Erde gelegt und etwa fünfzig Zentimeter breit. Wie eine flache Bank aus Sandstein. In den Sommermonaten saßen die beiden Alten aus dem Haus immer hier. Der Stein lag vor ihrem Haus an der Giebelseite und man schaute auf den großen Platz vor der Scheune, an dem Birken standen, und konnte die Straße einsehen. Bis zur Hauptstraße konnte man alles überblicken. Ein Sitzplatz auf dem Stein verschaffte nicht nur einen Überblick über diesen Abschnitt des Dorfes, sondern man konnte auch mit der Nachbarschaft Kontakte pflegen. An dem Sandstein wurden Messer und Äxte geschärft.
Damals saß ich dort. Im März. Wir hatten Ferien und ich überlegte, ob ich mit Schneebällen nach den Eiszapfen werfen sollte. Irgendwann stand ich auf. Es konnte sein, dass mich mein, inzwischen kalter Hintern dazu aufgefordert hatte. Jedenfalls stand ich auf und nahm mir vom Schnee, der reichlich am Wegrand aufgetürmt war und formte Schneebälle. Der Schnee war nass und die Schneebälle gelangen mir prächtig. Bald hatte ich einen richtigen Vorrad. Munition für meine "Aktion Eiszapfen".

Ich rollte mit den Armen in den Schultern, um mich zu lockern. Dann nahm ich mit der Linken Hand einen Vorrat an Schneebällen und warf mit der rechten Hand in Serie. Zwei Schneebälle trafen. Ein Eiszapfen löste sich aus der Verankerung an einer Dachziegel und sackte nach unten. Mit der Spitze voran fiel er, flog er senkrecht auf die Stelle unterm Dach an der Mauer, auf die er eben noch das Schmelzwasser getropft hatte.

Ein Huhn stand dort und hatte wohl gerade etwas zum picken entdeckt. Der Eiszapfen bohrte sich in das Huhn. Es hatte keine Chance.
Festgenagelt.

Ich warf die restlichen Schneebälle, traf einen anderen Eiszapfen und ging im Dorf spazieren, um mir ein Alibi zu verschaffen.



JSEGG 05.02.2015