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Uhrzeit/ 10:19:52 // Datum/ 2019:Apr:22 / letzte Änderung



 Die Fahrradfahrerin

Er sah sie jetzt zum dritten Mal in dieser Woche. Die Woche war noch jung und er hatte gute Aussicht, sie in dieser Woche noch öfter zu sehen.
Es ging etwas magisches von ihr aus. Es war die Art, wie sie sich auf dem Fahrrad bewegte. Es schien, als fuhr sie fast ohne Anstrengung. Ebenmäßige Waden, schöne Füße, die unbestrumpft in den Sandalen steckten, waren zu sehen und ein leicht im Fahrtwind flatterndes, dünnes Kleidchen über den schönen Oberschenkeln, welches in der Taille mit einer bunten Kordel umspannt wurde. Der Runde Ausschnitt war ebenfalls mit einer bunten Kordel verschnürt. Die Kordel hatte Mühe den Ausschnitt soweit zusammen zu ziehen, das nur der Busenansatz zu sehen war. Sie trug keinen BH. Lächelnd fuhr sie dahin und ihr rotes Haar verfing sich im Wind und den Sonnenstrahlen.
Er sah ihr nach und war wie verzaubert. Hätte man ihn gefragt, so hätte er sicher zugeben, dass er auf ihre Durchfahrt gewartet hatte. Auch diesmal hatte sie ihre Lippen kirschenrot angemalt. In den Ohrläppchen schaukelten große goldene Kreolen.
Er setzte sich auf die Bank unter der Dorflinde und wartete. Die Mittagshitze war am besten unter der großen Linde am Dorfeingang, im Schatten, zu ertragen. Es dauerte nicht lange und sie kam zurück. Diesmal sah sie zu ihm hin und er wich ihrem Blick nicht aus. Sie hatte Sommersprossen. Sekunden vergingen, in denen er das Gefühl hatte sie wäre ihm nahe gekommen. Ja, als hätte sie in ihm gelesen. Das war die Weite in den Augen. Längst hatte sie wieder angefangen in die Pedale zu treten und war hinter der nächsten Biegung, hinter dem letzten Haus des Dorfes verschwunden. Er saß noch lange da und hatte ihr Bild in sich. Aber durfte er das?
Endlich, als es schon etwas kühler wurde und die Sonne längst hinter dem Hohen Bergrücken verschwunden war und er aufgrund der heran eilenden Abendstille deutlich den nahem Bach vor sich hin plätschern hören konnte, stand er auf und trottete in seine Urlaubsunterkunft. Die Vermieterin ließ ihn auch heute in Ruhe. Nur bei seiner Ankunft hatte sie versucht etwas genaueres aus ihm heraus zu bekommen. Warum er hier sei, was er sonst so treibe, ob er Urlaub hätte und andere Fragen. Sie hatte sicher einen Verdacht. Er hatte nur sehr kurze Antworten und noch dazu sehr ungenaue geliefert, so dass sie bald von ihm abließ. Was geht es sie schon an, warum er wirklich hier war? Außerdem war ihm nicht danach, sich lange mit ihr zu unterhalten, weil sie einen starken Schweizer Akzent hatte, der nur Mühsam ins Hochdeutsch, für ihn, verbogen wurde. Es war ihm zu anstrengend. Das war, als wenn Gletschereisbrocken beim Sprechen an die Worte schlagen würden. Dabei war die Vermieterin wirklich nett. Er hatte davon gehört, dass man in der Schweiz die Deutschen nicht besonders mochte, Urlauber schienen davon ausgenommen. Also beließ er es dabei, er sei ein normaler Urlauber. Die Frau auf dem Fahrrad ging ihm nicht aus dem Kopf. Seine Nacht war unruhig. Mehrfach war er aufgestanden, stand am Fenster und hatte den Sternen zugesehen, wie sie hinter den Bergen verschwanden oder auftauchten. Der Mond schien freundlich und hüllte sich ab und an mit einer zarten Wolke ein. Die Welt ist so schön. Am nächsten Tag und am übernächsten Tag, jedes mal saß er unter der Linde und nahm ihre Vorbeifahrt ab. Zuletzt hatte sie sogar etwas abgebremst, so dass er Angst bekommen hatte, sie würde anhalten und zu ihm kommen. Zuletzt lachte sie, schon gefährlich nahe an der Linde, dicht an der Bordsteinkante fahrend und trat dann um so kräftiger in die Pedale. Sie zog ihn an und er versuchte selbst ihr Bild aus seinen Gedanken zu verdrängen.
Nun, ursprünglich hatte er überlegt gleich am ersten Tag seiner Ankunft zu seinem Freund zu gehen. Der wohnte von der Linde nur 150 Meter entfernt. Da er aber noch immer Angst davor hatte ihm zu begegnen, hatte er sich unter die Linde gesetzt. Die Bank lud ihn ein. Tagelang, weil er unentschlossen war. Als er so saß, unentschlossen, Angst vor der Zukunft, grübelnd, kam die Frau auf dem Rad. Sie mochte etwas jünger als er sein.
Jetzt war er ihr schon fünf mal begegnet und sie schien sich einen Spaß daraus zu machen, wie sie ihn anlächelte. Machte sie ihm Mut?
Er brauchte Mut. Er musste endlich zu seinem Freund gehen. Man kann sich nicht dauernd vor etwas drücken. Jeden Morgen brach er dazu auf.
Also wartete er auch diesmal zuerst unter der Linde auf der Bank. Mut sammeln wollte er. Dann kam sie geradelt. Er sah sie an. Sie sah ihn an. Sie fuhr langsamer und lenkte dabei ihr Fahrrad quer über die ganze Straßenbreite. Direkt auf die Bank zu. Er wollte aufspringen, weg, nur weg, sprach es in ihm. Und doch bleib er sitzen, wie mit Sekundenkleber verhaftet. Sie sprang vom Fahrrad, gab sich keine Mühe, es abzustellen, ließ es einfach an der Bordsteinkante abrutschen und stand vor ihm.
Nur zwei Meter entfernt, lächelte sie noch immer. Was sollte er machen?
„Guten Tag der Herr“, sagte sie noch immer lächelnd.
Er sah nur auf ihren kirschenroten Mund und traute sich nicht an ihr herunter zu sehen.
„Guten Tag“, brachte er hervor und „schönes Wetter nicht?“
„Ja, Morgen ist Dorffest. Sind sie dabei?“
Er hatte so schnell keine Ausrede und sagte: „Ja.“
Dieses eine Wort nur. Noch immer dachte er darüber nach, dass es ihm nur versehentlich herausgerutscht war, dieses „Ja“. Er hatte keinen Grund zu feiern. Wozu auch? Bilder huchten durch seine Gedanken. Er sah die Unterlagen, die er zur Post gebracht hatte. Sein freund würde ihn beraten können. Jedenfalls bestimmt irgendwie helfen. Alles war jetzt schwer. Irgendwie kann man doch die Wahrheit verdrängen? Leben wir nicht dadurch, dass wir verdrängen?
Aber er hatte jetzt eine Verabredung und sie war längst für eine andere, korrigierte Antwort unerreichbar. Obwohl sie sicher gleich wieder zurück kommen würde. Aber er durfte seine Zusage nicht zurück nehmen. Wohin sie nur immer fuhr, um dann bald wieder zurück zu kommen? Und immer irgendwie froh. Er musste sich zwingen so scheinbar hoffnungsfroh in die Welt zu stechen. Doch bevor sie zurück fahren würde, wollte er nun endlich seinen Freund aufsuchen. Jetzt musste es sein.
Als sie sich gegenüberstanden, hatte der Wahrheit in den Augen. Da war aber auch Trost. Unausweichliches macht Blicke scharf, tief und schneidend. Ja, er war schwer krank! Da gab es nichts zu beschönigen. Die Bestimmungen in der Schweiz waren für ihn angenehm. Keine endlosen Tage ohne Hoffnung mehr verbringen. Schluss, wenn man es wollte. Sein Freund würde ihm dabei helfen. Wenn er bereit sein würde, würde er es auch sein. Dazu war er ja Arzt. Das Dorffest kam und er Traf Petra. Die radfahrende schöne Frau hieß Petra. Er fand, der Name passte zu ihr. Sie hatte wieder ihre kirschenroten Lippen, die Sandalen und ein luftiges Kleid dabei. Wie sie sich bewegte. Sie tranken sich zu und er wollte ihr sagen, wozu er in die Schweiz gekommen war. Aber dann entschloss er sich, als sie ihn tief in ihren Ausschnitt schauen ließ, damit zu warten. Noch war er ausreichend stark, ein paar schöne Tage haben zu können. Sie fasste seine Hand und führte ihn auf die Tanzfläche. Da waren noch andere Menschen um sie herum. Aus dem Dorf, Urlauber und wohl auch Menschen, die ähnliche Probleme, wie er haben mochten. Einige schienen sehr schwer krank. Vielleicht ist es ihr letztes Fest hier in diesem schönen Alpenort, auf dieser schönen Welt. Der letzte Sommer, die letzten Sommertage. Keine Ahnung, ob er einige davon morgen wieder sehen würde. Und es schoss ihm durch den Kopf: Es waren die, die nicht dahinsiechen wollten, die hier feierten. Am Eingang zur Festwiese hätte gut ein Spruchband aufgestellt sein können: Durfte man selber über Leben oder Tod bestimmen? Ein Welle schwappte über seine Gedanken und er ergab sich der Feierstimmung. Verdrängung!
Aber was zählt das schon?
Jetzt, wo er doch so eng mit ihr tanzte, dass er sie roch. Und wie sie roch. Verlangend, angenehm, Rosenöl und Jasmin strömten ihr aus den Poren. Ihr Haar schien aus Zauberlocken zu bestehen. Sie schwitzten beide und berührten sich absichtlich. Sie drückte ihn fest an ihren Busen, Oberschenkel an Oberschenkel und Wange an Wange durchstanzten sie die Nacht. Er legte eine Hand auf ihren schönen Hintern und führte sie durch beider Gedanken.
Als die Musikanten sich, nach ausreichend Bieren, längst in den Armen lagen und die Stühle hoch gestellt wurden, nahm er ihre Hand und sie gingen zum nahen Dorfteich. Die Wiesen dufteten. Frisch gemähtes Heu betörte die Sinne, die Grillen gaben sich Mühe ihre klassische Musik vom Werden und Vergehen zu spielen. Und von der Liebe. Irgendwo quakte ein dicker Frosch. Ein Käuzchen schrie „Kuwitt“. Er erinnerte sich an einen Spruch seines Vaters, der meinte, dass hieße „Komm mit“ und man hätte nicht mehr lange zu leben. Das stimmte ja alles. Und trotzdem, die Nacht war so schön. Als er sie küsste, schien es als hätte sie schon sehr lange auf ihn gewartet. Sie gaben sich beide hin. Feierten die Nacht gemeinsam. Wild, so wild, wie die Tiere waren sie übereinander hergefallen. Als wäre es das letzte mal, dass sie gemeinsam in den siebten Himmel fahren könnten. Und so war es ja fast auch. Endlich ist das Leben und so schön. Darum so schön. Das muss so sein!
Sie war zum gleichen Zwecke hier hergekommen wie er.
Beide todkrank.
Sterbeurlaub.
Der letzte Urlaub.
Und es war so schön, dass sie sich erst lösten, als es bereits dämmerte und auf einem nahem Bauernhof die Hoflampe angestellt wurde, die Kühe Krach machten, weil der Bauer mit der Fütterung begann.
Die nächsten Tage trafen sie sich immer an der Linde. Verbrachten ihre letzten Tage gemeinsam bis zum Dunkelwerden.
Tranken die Nacht leer.
Bis es es nicht mehr ging.
Dann trafen sie sich ein letztes Mal.
Das war bei seinem Freund, dem Arzt.



JSEGG 12.06.2012