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Uhrzeit/ 13:49:00 // Datum/ 2019:Jun:26 / letzte Änderung



 Die rote Jacke

Jetzt hing sie da. Schlapp und schaukelte im Wind. Auch was: es war ein ausgewachsener Herbststurm, der durch die Wälder am Rhein heulte. Besonders, wenn sich der Wind mit den hohen Tannen anlegte spielte er ganz ungeahnte Töne auf den Tannennadeln. Ich fand das zuerst beängstigend, gewöhnte mich aber bald daran. Ab und an, wenn ich aus dem Wald heraus lief, lehnte ich mich gegen die Windböen, die gleich mit mir spielen wollten, sobald ich mich zeigte.
Was war das? Das war nicht der Wind. Irgendwo schrie ein Tier um Hilfe. Oder war es ein Mensch? Ich blieb stehen. Ich hatte mich bestimmt getäuscht, bildete ich mir ein. Zur Beruhigung meiner Beuneruhigung war das besser.
Ich lief wieder an.
Die Phantasie spielte mit den Gedanken an ein hilfloses Mädchen im Wald. Warum eigentlich ein Mädchen? Konnte es nicht auch ein Knabe sein, der hilflos im Wald umher irrte und rief oder schrie, weil er nicht mehr wusste, wo lang er laufen sollte? Oder ein Tier. Vielleicht ein Hund, der geschlagen wurde?
Oder Rotkäppchen.
Rotkäppchen und die Angst vor Wölfe. Ich war mit meiner Phantasie im Wald und bei den Wölfen angelangt. Klar: es könnte ein Wolf oder gar ein Rudel Wölfe gewesen sein. Vielleicht sind die über die Schafe, die ich auf der Wiese hinter mir gesehen hatte, hergefallen. Wölfe am Rheinsteig. Wenn das morgen in der FAZ steht, würde ich die Redaktion anrufen und denen mal was erzählen. Ich wäre dann ja Ohrenzeuge.
Quatsch.
Aber mit Schokoladensoße: Wölfe auf dem Rheinsteg. Das hätte was von Hitlertagebüchern. Glaubt einem kein Mensch mehr. Jedenfalls nach den Tagebüchern.

Trotzdem: Da war dieses Geräusch wieder. Durch den Wind.
Ich hörte es, obwohl der Wind wieder die Tannennadeln bespielte und Äste aus den Bäumen nach mir warf. Vielleicht sollte man bei Sturm nicht auf dem Rheinsteig und schon gar nicht im Wald unterwegs sein. Wie schön wäre es, wenn ich jetzt in Bendorf, in der urigen Kneipe, in deren Hotelzimmer ich die Nacht verbracht hatte, bei einem leckeren Bier oder noch besser bei einem Glas Wein sitzen würde. Keine Schreie. Nur das Grölen der angetrunkenen Gäste, die ihre „Kästen“ vertranken. Ein Sitte dort. Das Jahr über zahlt man mindestens zwei Euro pro Woche in den Kasten, um den Inhalt nach einem Jahr dann in Spaß und Bier umzusetzen. Und Gemeinsamkeit. Schon die alten Germanen tranken gemeinsam Met “... bis keiner mehr steht!“. Sangen die von der Rockband Torfrock.
Ich war im Wald, der Wind heulte, pfiff um die Bäume und Tannennadeln und ich war allein. Keiner da. Nun, klar, doch irgendwo im Wald war jemand, der schrie.
Jetzt wieder.
Die Nackenhaare stellten sich bei mir auf und ich schwitzte kalten Schweiß. Angstschweiß. Ich stand und lauschte.

Dann nur wieder der Wind und ein Ast, der neben mir auf den Boden knallte. Ich trat einen Schritt zurück und erschrak. Es schrie direkt hinter mir. Ich drehte mich abrupt um und sah in zwei böse Augen. Gleichzeitig raste etwas durch meine Beine, dass ich kurz das Gleichgewicht verlor. Dann schubste mich dieses böse Blickende um und schrie und schrie. Der Hund war vor Schreck nicht nur durch mein Beine gelaufen, sondern auch gegen einen Baumstamm und war nur noch ein Häufchen Unglück, als der Mann mit dem Eisenteil der Leine nach ihm schlug.
Ich rappelte mich auf und fiel ihm in den Arm.
Es begann ein Kampf und der Wind heulte durch den Wald und brachte die Tannennadeln zum klingen. Unheimlich. Dann hatte er mich an der Kehle. Dann hatte ich ihn an der Kehle und drehte seinen rechten Arm mit der Leine nach hinten und die flog auf die Erde. Der Hund lag noch so ängstlich da. Ich sah in dessen Augen und in die des bösen Mannes und sah die Faust auf mein Gesicht rasend näher kommen.

Ausweichen befahlen sämtliche Instinkte.
Aber auch Wut.
Wut, die keine Angst mehr kennt. Überlebenskampf. Ich verpasste ihm einen Hieb direkt auf das Kinn und trat ihn zwischen die Beine. Gut nicht ganz den Regeln entsprechend. Aber die Wut ließ mich kein Regelbuch lesen.
Da lag er. Daneben die rote Jacke. Die rote Jacke, die er wie einen Gürtel um die Hüfte gebunden hatte, weil ihm wohl beim Jagen des Hundes und sicher auch vom Schlagen des Hundes warm geworden war.
Ich trat dichter an ihn heran. Eigentlich war ich fertig mit ihm. Er hatte seinen Meister gefunden und jetzt war der Hund aufgestanden und das böse Herrschen lag als Unglücksbündel vor mir. Was macht man mit so einem Bösewicht? Ich lies ihn laufen.
Seine rote Jacke, die er im Schreck vergaß, hängte ich an den Baum, machte ein Foto und lief weiter zum Etappenziel auf den Rheinseitig.
Der Hund folgte mir und es schien mir als pfiffe der Wind jetzt ein lustiges Lied.



JSEGG Nov. 2016